"Mensch Jonas, nun komm doch."
Aber Jonas Brandeiser griff sich den Schlüsselbund und schlug die Tür
hinter sich zu. Nichts hat er gesagt. Nichts Versöhnliches und erst recht
nichts Liebevolles. Nur wenig vorher hätte er sich lieber den Mund fusselig
geredet, als wortlos die Tür hinter sich zuzuschlagen. Allein schon der
Gedanke, im Streit auseinanderzugehen, beschwor in ihm ein: Gerade dieser Abschied
könnte der letzte voneinander sein. Und träfe dann nicht ihn, sondern
sie der berüchtigte Ziegelstein, wäre er seinen Lebensrest mit diesem
Abschied allein. Im Wachen und im Träumen. Auch wenn Gisela angefangen
hätte. Die insgeheim bereits eingestandenen, vorerst noch klein gehaltenen
eigenen Auslöseranteile nagten ja doch längst an ihm. Und wer wußte
schon, ob sich da bei ihr nicht etwas aufstaute, was bald nach endgültigen
Konsequenzen schrie.
Ein Kind. Gisela wollte in diese übervölkerte Welt ein weiteres Kind
gebären. Und er sollte der Erzeuger und Vater dieses Kindes sein. Seine
ausufernden Universitätsstudien hatten zwar lediglich in die Karriere eines
Taxifahrers gemündet, aber eines war ihm schon im ersten Soziologiesemester
klargeworden: Nicht lange, und alles endet in einem großen Knall. Sind
es nicht die Atombomben, ist es die Luftverschmutzung und ist es die nicht,
reicht allein der Gedanke an die sich vervielfachende Weltbevölkerung,
um sich die nähere Zukunft als Schreckensbild von Hieronymus Bosch auszumalen.
Wie Gisela das einfach wegschieben und dabei so ein allwissend seliges Lächeln
aufsetzen konnte. Das war ihm völlig schleierhaft. Und es hatte ihn wie
kaum etwas zuvor wütend gemacht. Unlängst war sich Gisela noch sicher
„Es ist auch schön mit uns beiden allein”, und jetzt dieser
Umschwung, noch dazu in einer Tonlage, als wäre da nicht vielleicht doch
ein klitzekleiner Widerspruch zu verhandeln. Am meisten regte ihn die Vorstellung
auf, daß Gisela nach wie vor lächelte und sich womöglich nicht
einmal über seinen Abgang wunderte. Nach dem Motto: Ich bin nun Teil von
etwas weit Größerem, nämlich eines wahrhaftigen Wunders - wozu
sich da noch über Wunderliches wundern? Soll sich mein Jonas ruhig die
Wagenschlüssel schnappen und versuchen, mit seiner alten Karre außer
Reichweite zu gelangen. Das ist nicht lächerlich, aber durchaus ein weiterer
Grund zu lächeln - und heute nacht kommt er sowieso nicht weit.