| |
"Novellen haben momentan Konjunktur. Und das nicht zufällig. Nach
den ermüdenden Erlebniskicks der Spaßgesellschaft, den schnellen
Hypes, den müden Events, artikuliert sich die Sehnsucht nach unerhörten
Begebenheiten, die profilierte, tragfähige (Lese-)Erfahrungen versprechen.
Ulrich Karger gewinnt in 'Kindskopf' der Novelle ganz neue Einsichten ab.
Ulrich Karger und der deutsche Süden - eine unerhörte Begebenheit!
Nichts für postmoderne Kindsköpfe."
Klaas Huizing
Prof. Dr. Dr. Klaas Huizing, Ordinarius am Lehrstuhl für Systematische
Theologie an der Universität Würzburg, hat sich neben dem Verfassen
veritabler Fachbücher auch als Romancier einen Namen gemacht, u.a. mit
"Der Buchtrinker" (1994), "Das Ding an sich" (1998), "Das
Buch Ruth" (2000), "Auf Dienstreise" (2000). Zu KINDSKOPF merkte
er an
"... wie sein biblischer Namensvetter setzt sich der zeitgenössische
Jonas intensiv mit Gott auseinander, lehnt sich gegen ihn auf und klagt über
sein Leben. Die Frage 'Wozu?' zieht sich wie ein roter Faden durch die Reise
in seine bayerische Kindheit und Jugend, die Karger mit viel Sinn für die
Skurrilitäten des Alltags erzählt."
Dr. Claudia Puschmann
Ev. Welt - Diese Woche Nr. 23
02.06.02
"Kargers Kindskopf und der biblische Jona - legt man beides nebeneinander,
dann erfährt man viel über Mensch und Gesellschaft zu Beginn des dritten
Jahrtausends! Man müsste das Buch zur Pflichtlektüre für universitäre
Vorlesungen zum Thema "Postmoderne" erklären! Insbesondere die
Wirtschaftswundergeneration der Jahrgänge 1955 bis 1965 dürfte der
Autor schon mit den ersten Seiten in den Bann zu ziehen, spiegeln doch seine
Argumentationsmuster oft genug deren eigene Lebensgeschichte wider.
Die Sündhaftigkeit Ninives wird in Kindskopf durch die Stimmung im Kalten-Krieg-geprägten
Deutschland repräsentiert: Man könnte nicht sagen, welche Sünde
größer ist: das ubiquitäre politische Bedrohungspotential oder
die rein egozentrische Angst davor. Politische Weltsicht wird ganz privat, wenn
Jonas Brandeiser folgert: In diese Welt darf man keine Kinder hineinsetzen!
Der Sündenfall der Generation um Brandeiser besteht nun darin, dass die
politische Dimension schrittweise verdunstet und nur noch das Private bleibt:
ich fliehe vor meiner Frau, die ein Kind von mir will, und schließlich
fehlt das nötige Kleingeld für ein neues Taxi! Zwei weitere Assoziationen
drängen sich auf: Kinderlosigkeit oder - wenn überhaupt - Kleinstfamilie
- die größte Sünde unserer Gesellschaft? Das wäre bereits
eine recht prophetische Sicht!
Die Frau als Gott des Mannes, die zur Flucht zwingt und am Ende doch siegt?
Jedenfalls: Im Vergleich zum biblischen Jona hat Jonas Brandeiser keine globale
religiös- moralische Aufgabe, vor der er flieht, sondern eine letztlich
rein persönliche. Individualismus pur.
Konsequent: Die Reise ans Ende der Welt führt, vom Erzähler so auch
knapp grandios gedeutet, einmal um den Erdball und zurück zu sich selbst.
Der Omphalus ist das eigene Selbst. Insofern führt die Flucht nicht durch
den Walfisch, sondern in den Walfisch - in den Uterus der eigenen Lebensgeschichte,
die in einer eindrucksvollen Milieustudie geschildert wird. Dieser Walfisch
lässt Jonas das ganze Leben nicht los, der Lebertran ist seine Muttermilch.
Kennzeichen einer Generation, die nostalgisch schwelgend von Startbahn West,
Mutlangen und Wackersdorf erzählt - in der Selbsterfahrungsgruppe oder
auf der Couch des Psychiaters. Jonas Brandeiser rettet die Höhle seiner
Kindheit ins moderne Ninive zurück. Und kaum streckt er sich unter seinem
Rizinus-Strauch aus, kommt die Göttin, knabbert an den brüchige gewordenen
Lebenswurzeln und siegt."
Prof. Dr. Hans Mendl
Lehrstuhl für Religionspädagogik und
Didaktik des Religionsunterrichts
Universität Passau
Januar 2003
|
| |
|
|