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"Kindskopf" ist eine Novelle der besonderen Art. Nach dem Motto "Kleine
Ursache, große Wirkung" setzt ein eigentlich gar nicht so außergewöhnlicher
Wunsch bei Jonas Brandeiser eine außergewöhnliche Kettenreaktion
frei. Gisela will ein Kind mit ihm. Er will nicht, und deshalb flieht Jonas
ans Ende der Welt, das er irgendwo in Bayern unweit seines Geburtsortes zu finden
sucht. Doch als Jonas sich schließlich in den "unergründlichen
See" stürzen will, hat ihn alsbald der elterliche Wohnzimmertisch
verschlungen und hält ihn für unbestimmte Zeit in seinem Kornblumen
bestickten Leinentuchbauch fest. Und Jonas Brandeiser weiß genau, wer
dafür wieder verantwortlich ist ...
Wem das nur "irgendwie" bekannt vorkommt, für den hat Ulrich
Karger in zwei kleinen Einschüben die vier alttestamentlichen Jona-"Bücher"
zwischen seine vier Kapitel "Kindskopf" gesetzt. Sie korrespondieren
keineswegs nur in formaler Hinsicht mit dieser sehr heutigen und vieldeutigen
"Heimsuchung" des Jonas Brandeiser. So fällt dessen Flucht nicht
von ungefähr gerade auf den 3.10.1990, und der bis zuletzt namenlos bleibende
Geburtsort wird zum Synonym heimatlicher Hassliebe - eine deutsch-bayerische
Vergangenheitsanmutung, die nie so tut, als wäre da etwas zu "bewältigen".
Doch entgegen seiner vor sich her getragenen rationalen Weltsicht, muss Jonas
noch immer gegen den von den Eltern oktroyierten, alles möglich machenden
Gott ankämpfen. Im Bauch des Tisches mit seinen Kindheiterinnerungen konfrontiert,
meint er jedoch gegen IHN leichtes Spiel zu haben. Denn was hierbei wegen seines
offengelegten Aberwitzes oft genug das Zwerchfell reizt, lässt einem angesichts
der nicht zu übersehenden Tragik gleichzeitig den Atem stocken. Gerade
weil es nicht larmoyant und moralinsauer daherkommt.
Wie Karger allein schon dieses zweite, im Original eigentlich nur drei Sätze
umfassende Jona-Buch mit dem (Er-)Leben bayerischer Herkunft füllt und
daraus dann einen bestechenden wie überzeugenden Übergang für
die beiden nachfolgenden Kapitel in Berlin findet, beweist neben der kenntnisreich
souveränen Aneignung der Vorlage hohen Einfallsreichtum und großes
Sprachvermögen.
Sowenig sein Jonas letztlich die Präsenz Gottes als ein allem menschlichen
Wollen übergeordnetes Drittes anzweifeln kann, so heftig bestreitet er
nach Art der Psalmisten das klaglose Hinnehmen Seines Willens. Karger hat damit
ein heftig gegen den Strich gebürstetes Stück Literatur entwickelt,
das weit über die Zugehörigkeit irgendeiner Glaubensgemeinschaft hinauszuweisen
vermag. Und das ist schon wirklich außergewöhnlich.
Gerd Perlhuhn
Religion heute Nr. 50
Juni 2002
„Alle schreiben von Berlin, Ulrich Karger fährt davon. Schlägt
die Tür hinter sich zu und bricht auf in die süddeutsche Heimat. Da
er aber Jonas heißt und mit dem biblischen manche Strecke teilt, wird
er am Ende wiederkommen.
Dazwischen aber Heimat: die Eltern, die Wohnung, der Ort, der Pfarrer und alle
Mühsal des Davonkommens. Heimat - Quelle, Wald, Mütterlein, Linde
und Bächlein? Ade, alles ist sehr nüchtern: der erste Fernseher, das
Auto, die Krankheiten, der Tod des Vaters.
Karger, Jahrgang 57, zieht erzählend eine Zwischenbillanz. Die Sprache
ballanciert zwischen unfreiwilligem Gerührtsein und tapferer Distanz -
ein Sohn eben besieht sein Leben, ein „Kindskopf“.
Mit Matthias Claudius gibt es nicht nur ein Heimweh, sondern auch wieder das
Hinausweh. Seltsam, wenn einer von „Zuhause“ erzählt, hört
man zu bis zum Schluss. Das Eigene muss so gut gelernt sein wie das Fremde,
daran lässt uns Ulrich Karger teilnehmen, ein wenig melancholisch, sehr
sprachfreudig und hörbar menschenfreundlich.“
Helmut Ruppel
Berlin-Brandenburgisches Sonntagsblatt Nr. 30
21. Juli 2002
„Jonas Brandeiser, lebt mit seiner Lebensgefährtin Gisela in Berlin.
Als Gisela sich ein Kind wünscht, ergreift Jonas die Flucht: er flieht
bis ans Ende der Welt, d.h. nach Bayern, wo er, wie zur Kinderzeit, Schutz unter
dem Eichentisch der elterlichen Stube sucht. Doch von wegen Schutz, hier wird
er mit seiner Vergangenheit, seinen Erinnerungen und seinen Zukunftsängsten
konfrontiert.
Wie für seinen Namensvetter Jonas in der Bibel (dessen Geschichte wird
textuell wiederholt), der vom Wal verschlungen wird (hier ist es ein Tisch),
ist das Ganze eine Auseinandersetzung mit u.a. Gott und mit sich selbst. Jonas
kommt am Ende der Geschichte geläutert, viel realistischer und gestärkt
unter der bestickten Leinentischdecke hervor. Er ist jetzt bereit seine Verantwortung
als Erwachsener und als möglicher Vater zu übernehmen, sehr zum Wohlgefallen
Giselas.
Der Autor hat hier eine Novelle in einem besonderen Stil geschrieben. Die Sache
mit dem Tisch und die Gespräche / respektiv Auseinandersetzungen mit Gott,
ohne religiöse Prätentionen, geben diesem Kurzroman eine sehr speziellen
Charakter.“
Marion Rockenbrod
Literatour Nr. 12
Beilage des Luxemburger Tageblatt
23.04.2003
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